Dass die Existenz eines Archivs und einer kulturellen Einrichtung in ihrer heutigen Form und Funktion in hohem Maße auf die historische Expertise, die Initiative und Beharrlichkeit einer einzigen, ehrenamtlich tätigen Historikerin zurückzuführen ist, hat Seltenheitswert. Mit Dr. A. Therese Treiber verliert die St. Katharinenspitalstiftung in Regensburg-Stadtamhof eine Persönlichkeit, deren Lebenswerk das Spitalarchiv als Gedächtnis der Stiftung geprägt hat.
Auf Anregung von Bischof Graber aus Österreich in die Diözese Regensburg gekommen, erkannte die Wirtschaftshistorikerin bereits Anfang der 1970er Jahre die Bedeutung der historischen Bestände der
St. Katharinenspitalstiftung. Von Bischof und Spitalrat ermutigt, begann sie mit großer Umsicht, die historisch wertvolle Spitalüberlieferung, die bis dahin ohne archivfachliche Betreuung der
Spitalverwaltung anvertraut war, zu verzeichnen, zu reinigen, zu sichern und vor Verlust oder Zerstreuung im Überlieferungskontext zu bewahren.
Von herausragender Bedeutung für die St. Katharinenspitalstiftung war auch Dr. Treibers Einsatz für das 750-jährige Jubiläum der St. Katharinenspitalstiftung im Jahr 1976, also vor genau 50
Jahren. Sie koordinierte die Autorenschaft der Festschrift und trug entscheidend dazu bei, die Geschichte der Spitalstiftung auf einer fundierten wissenschaftlichen Grundlage darzustellen. Sie
und ihre Mitstreiter erschlossen Quellen, ordneten historische Zusammenhänge und entwickelten auf dieser Grundlage das historische Selbstverständnis der St. Katharinenspitalstiftung. Zum
800-Jahr-Jubiläum der St. Katharinenspitalstiftung blicken die Verantwortlichen heute dankbar auf diese Forschungs- und Vermittlungsleistung. Bis zuletzt überreichte Dr. Therese Treiber ihren
Besucherinnen gerne den von ihr herausgegebenen Jubiläumsband von 1976.
A. Therese Treiber verstand ihre historische Arbeit niemals als Selbstzweck. Schon in den 1980er Jahren förderte sie junge Historikerinnen und Historiker, teilte großzügig ihr Wissen zur
Spitalgeschichte und erkannte früh das Potenzial anderer Menschen. Mit großer Selbstlosigkeit bereitete sie den Weg für die Professionalisierung des Archivs der St. Katharinenspitalstiftung. Sie
schuf jene Voraussetzungen, auf denen die ihr nachfolgenden Spitalarchivare auf verstetigten Stellen die archivfachliche und wissenschaftliche Arbeit weiterentwickeln konnten und können. Dass das
Spitalarchiv heute als anerkannte Forschungs- und Kultureinrichtung wahrgenommen wird, ist ohne ihr jahrzehntelanges Wirken nicht denkbar.
Ebenso visionär war ihr Blick für die Vermittlung der Spitalgeschichte. Der von ihr schon in den 1970er Jahren angestoßene Museumsgedanke begleitet auch ihre Nachfolger bis heute. Umso bewegender
war es, dass sie die konkreten Planungen noch selbst erfahren durfte. Bis zuletzt verfolgte sie mit wachem Interesse die Umsetzung von „OIKOS. Katharinenspital.Leben.Arbeit.Kultur“. Dass sie die
Ausstellungseröffnung im kommenden Jahr nun nicht mehr wird miterleben und kommentieren können, erfüllt jene, die ihr verbunden waren, mit Wehmut.
Dr. Treibers wissenschaftliche Tätigkeit reichte jedoch weit über das Spitalarchiv hinaus. Nach ihrer Ausbildung bei den Englischen Fräulein studierte sie Geschichte an der Universität Wien und
promovierte 1971. Gemeinsam mit Prälat Emmeram Ritter übernahm sie 1973 in Regensburg die Schriftleitung des „Boten von Fatima“ und blieb der Zeitschrift weit über ihre offizielle Tätigkeit
hinaus verbunden. Mit großer Hingabe arbeitete sie zudem am Marienlexikon und prägte dessen Entstehung entscheidend, denn ihr wissenschaftliches Interesse galt in besonderer Weise der
Marienverehrung.
Für A. Therese Treiber war die Botschaft von Fatima nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung, sondern auch Ausdruck einer gelebten Frömmigkeit, die sie als Antwort auf die tiefen
Erschütterungen des 20. Jahrhunderts verstand. Die darin enthaltenen Aufrufe zu Gebet, Buße und Umkehr wurden für viele Menschen in einem von Krieg und ideologischen Konflikten geprägten Umfeld
zu einer Quelle der Hoffnung und geistlichen Erneuerung. Diesem Lebensthema blieb Therese Treiber bis zuletzt treu: Noch 2023 veröffentlichte sie gemeinsam mit Hermann Reidel eine Publikation
über die Marienbilder von Erwin Schöppl, dessen 1944 geschaffenes Fatima-Bild die Zerstörung der Obermünsterkirche überlebte und heute in der Stifts-Pfarrkirche St. Kassian betrachtet werden
kann.
Therese Treibers Arbeit war von gewissenhafter Sorgfalt, einem denkbar breiten kulturhistorischen Horizont und einer rührenden Bescheidenheit getragen. Bis ins hohe Alter war sie publizistisch
tätig und ihr Engagement ging so weit, dass sie selbst noch den Kleinen Kunstführer für das Elisabethinum mit einem Vorwort von S. E. dem Hochwürdigsten Herrn Diözesanbischof Dr. Rudolf
Voderholzer verfasst hat. Die Übertragung einer Reliquie der heiligen Anna Schäffer in die Kapelle des Elisabethinums erfüllte sie in ihren letzten Lebensjahren ebenso mit Freude wie die
Restitution der Albertus-Magnus-Urkunde im Herbst 2025, von der sie Zeitungsausschnitte aufbewahrte.
Wer noch die besondere Gelegenheit hatte, von A. Therese Treiber in ihrer vormaligen Wohnung zu einem Tee empfangen zu werden, trat dort im besten Sinne des Wortes ein in eine „Welt von gestern“,
die Welt des alten Österreich – geprägt von einem Primat der Kultur, Bildung und einer Verwurzelung im katholischen Wertekosmos. Dieser Sozialisierung verdankte sich zugleich ihr weiter
paneuropäischer Horizont. Dr. Treiber trat bis zuletzt in inspirierenden Austausch mit ihrem Freundeskreis und pflegte auch im hohen Alter lebendige Beziehungen zu jüngeren Menschen und Familien.
Wer ihr begegnete, erlebte eine Frau von beeindruckender Disziplin, feinsinnigem Humor, von bewunderungswürdiger ästhetischer Sensibilität, mit grenzenloser Toleranz und intellektueller
Zugewandtheit.
Auf ihre eigene, unverwechselbare Weise zeigte Dr. A. Therese Treiber, nicht zuletzt in ihrem Wirken für die St. Katharinenspitalstiftung, wie aus religiöser Frömmigkeit, Geschichtsbewusstsein
und der Bewahrung von kulturellem Erbe ein bleibender Dienst an Kirche und Gesellschaft erwächst.
Die St. Katharinenspitalstiftung wird Dr. Adolfine Treiber ein ehrendes Andenken bewahren.
Requiescat in pace.
Bild: Dr. A. Therese Treiber bei einer Buchpräsentation im Spitalarchiv am 13.02.2023 | St. Katharinenspitalstiftung
Text: Kathrin Pindl, St. Katharinenspitalstiftung
